Geburtshilfe am Abgrund

So, mir reicht’s. Seit 1993 schaue ich mir Geburtshilfe aus der Kreißsaalperspektive an. Ich hatte mir meistens Kreißsäle ausgesucht, wo noch individuelle Geburtshilfe, in Maßen, möglich war. Allerdings hatte ich schon in der Ausbildung das Gefühl, man hetzt von Frau zu Frau, muss unsinnige Maßnahmen durchführen und ist die Putzfrau der Nation.

 

Unsinnige Maßnahmen

In meiner Ausbildung bekamen Frauen noch einen hübschen, „richtigen“ Einlauf. Während sie diesen auf der Toilette absaßen, geplagt von Wehen in kurzen Abständen, musste die zuständige Hebammenschülerin immer wieder, alle 5 Minuten Herztöne hören. Wie entwürdigend ist das denn? Also, für die Frau. Als Hebamme ist man ja einiges gewohnt. Solche unsinnigen Maßnahmen lassen sich haufenweise finden.

Heutzutage wird immer noch massenhaft CTG geschrieben, gerne 3x täglich. Dabei wird meterweise Papier beschrieben, gelocht, abgeheftet. Dabei weiß das Personal doch, dass bei unauffälligen Schwangerschaften (also kein Bluthochdruck, kein Verdacht auf zu kleinens Kind etc.) ein CTG keine Aussagekraft hat. Bei Wehentätigkeit kann es mal interessant werden. Aber selbst dann könnte man bei normalen Schwanerschaften das CTG weglassen und die kontinierlich betreuende Hebamme hört einfach alle 15 Min kurz die Herztöne. Das ist leider aber personalintensiv. Da nimmt man doch lieber das CTG Gerät. Das ist schließlich ein Gerät und flößt den meisten Menschen (sowohl Paaren als auch Hebammen) Vertrauen ein. Eine sinnvolle Maßnahme sieht allerdings anders aus, als Frauen stundenlang zu verkabeln und sie in bestimmte Positionen zu bringen, damit auch alles schön aufzeichnet. Im Namen der Sicherheit.

 

Putzfrau der Nation

Die Putzfrau wird gerne von der Klinik eingespart. Dafür ist ja auch nachts die Hebamme da. Als obligatorische, inoffizielle Ausbildungseinheit wird Putzen immer noch als oberste Aufgabe der Hebammenschülerin gesehen und auch die Studentinnen bleiben nicht verschont. Warum Medizinstudenten nie auch nur den Putzlappen in die Hand nehmen müssen, erklärt sich ja: hohes Studium und postgraduell wird eh auf keinen Fall geputzt. Dafür gibt’s Schwestern, Hebammen, Putzfrauen. Niedere Arbeiten werden exponentiell abfallend, abhängig von Studienlänge und theoretischen Wissen, an unstudierte und praktisch ausgebildete Menschen verteilt.

Mit Hygiene hat das Geschrubbe im Kreißsaal leider nichts zu tun. Warum ausgerechnet Hebammenschülerinnen Schränke auswischen müssen, die nicht dreckig sind, wenn keine schwangere Frau im Kreißsaal anwesend ist, hat sich mir nie erschlossen. Ich verweise diese Anordnungen in das Reich der „Schikane von Rangniederen“.

Wenn ich Putzfrau hätte werden wollen, hätte ich den Beruf der Reinigungsfachkraft gewählt.

 

Der wirkliche Abgrund

Viel beunruhigender finde ich allerdings, dass sich seit Jahrzehnten nichts an der Betreuungssituation ändert. Eigentlich bin ich aber eher wütend. Angeblich existierte ein Personalschlüssel von ca 110 Geburten auf eine volle Hebammenstelle. Dieser Schlüssel hat zwar keine wirkliche Grundlage und stammt noch aus den 9oer Jahren. Also, der gleiche Hebammenschlüssel seit 1990, aber sehr viel mehr Tätigkeiten haben sich angehäuft, z.B. detailierte Dokumentation, Computereingaben, Putzen, Auffüllen, intensive Betreuung nach der Geburt beim babyfreundlichen Krankenhaus, Betreuung ambulanter Patientinnen beim Milchstau, Lochialstau etc.

Interessant finde ich, dass in England eine 1:1 Betreuung ab der aktiven Eröffnung  möglich ist. Ebenso wird in Norwegen nach dem 1:1 Prinzip betreut. In England wird bei einer vollen Stelle mit 40 Geburten auf eine Hebamme gerechnet. Sehr lebensnah und aktuell wird dies in dem Artikel „Das beste Schmerzmittel ist die Hebamme“ von Susanne Steppat im Hebammenforum 2/2019 beschrieben. In diesem Artkel geht es weniger um die Schmerzlinderung, als eher darum, dass es in einem staatlichen Gesundheitssystem, was wirklich keinen guten Ruf hat, möglich ist, Schwangeren eine gute Betreuung zu ermöglichen. Der Knackpunkt ist, dass normale Geburten in England mit 3000BP und ein Kaiserschnitt mit 6000GP vergütet wird. In Deutschland erhält man nicht inmal die Hälfte des Geldes.

 

Angestellte Hebammen benachteiligt

Während Beleghebammen im Schichtsystem bei mehr als zwei betreuten Frauen eine weitere Hebamme dazurufen müssen, weil das von der Krankenkasse gefordret wird, gibt es keine Begrenzung bei angestellten Hebammen.

Das heißt, das angestellte Hebammen auch schon mal zwei, drei oder vier Frauen in verschiedenen Stadien der Geburt betreuen müssen. Wie kann das sein? Warum dürfen Krankenhäuser so viele Schwangere anhäufen im Kreißsaal wie es nur geht?

Auf Intensivstationen gilt auch ein fester Betreuungsschlüssel pro Pflegekraft.Sind die Betten belegt, muss der Patient in ein anderes Krankenhaus.

Warum gibt es für Kreißsäle keine Sperre bei der Belegung aller Kreißsäle?

Die Antwort lautet, dass man seinen Ruf nicht beschädigen möchte. Die Fallzahlen müssen schlicht und ergreifend auch stimmen. Das wird mitunter auch als „Recht auf freie Wahl des Geburtsortes“ bezeichnet. Das tut mir leid. Aber das ist falsch.

 

Freie Wahl des Geburtsortes

Damit ist gemeint, dass sich Frauen aussuchen können, ob sie die Klinik, eine Beleghebamme, eine Hausgeburt oder ein Geburtshaus wählen. Wenn in einem Umkreis von 50 Kilometer mehr als 5 Kliniken zur Auswahl stehen (ja, das gibt es im Ruhrgebiet), auch wenn alle eine unterschiedliche Geburtshilfe betreiben, ist damit nicht gemeint, dass man in die Top-Wunschklinik seiner Wahl müssen kann. In Norddeutschland oder im Osten gibt es allerdings Gegenden, wo man als Frau schon mal mehr als 100 Kilometer fahren muss, um überhaupt eine Klinik zu finden.

Wenn Kliniken melden, dass sie „voll“ sind, ist das verantwortungsvolles Arbeiten mit Resourcen und Personal. Noch einen Patienten hineinzuquetschen in den Flur der Intensivstation oder eine Schwangere auf den Kreißsaalflur zu legen, zeugt nicht von Qualität, geschweige denn Sicherheit.

Also, Mut zur Kreißsaalabmeldung! Die betroffenen Menschen, Patienten, Schwangere, müssen mobil gemacht werden, dass sie gute Betreuung einfordern. Das hilft auch beim sogenannten „Pflegenot“: Sind die Pflegenden und Schwestern nicht ständig überarbeitet, möchten sie auch wieder mehr im Krankenhaus arbeiten. Jeder möchte seine Arbeit gut machen, aber nicht am Ende des Arbeitstages vollkommen erschöpft aus dem Dienst schleichen.

Eine höhere Personaldichte mit qualifiziertem Personal (und nicht Praktikantinnen, Schüler, Studenten) fördert die Zufriedenheit der Patienten, die Sicherheit und die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter!