Smartphone, Hebamme und Kind

Die liebe Technik ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Das Smartphone ist mittlerweile das Mittel der Wahl, um mit der Welt in Kontakt zu bleiben, das Internet zu besurfen, Sachen zu bestellen, Fotos in die Welt zu schicken und den Parkplatz smart zu bezahlen. Unbestreitbar verbringt die Welt (zu) viel Zeit mit dem Smartphone, größtenteils um Kontakte (vermeintlich) aufrecht zu erhalten.

 

Smartphone als Arbeitsmittel

Auf der einen Seite steht da die Hebamme als Beraterin, die sich verfügbar macht mit dem Smartphone. Klar, mit Beratung wird Geld verdient und die Schwangere hat eine Ansprechpartnerin bei (dringenden) Fragen. Die Bereitschaftszeit kann jede Hebamme ja selbst definieren. Bin ich bis 17 Uhr ansprechbar oder bis 22 Uhr? Bin ich am Wochenende nur bis 12 Uhr verfügbar? Beratungen am Wochenende zu eher unwichtigen Themen wie „Sollen wir einen Betthimmel kaufen oder auch nicht ?“, „Ich stehe gerade vor dem Regal. Welche Nahrung denn soll ich kaufen?“, stören das Privatleben jeder Hebammen. Klug ist es, sich eine zusätzliche Dienstnummer zuzulegen, auf Messengerdienste wie WhatsApp zu verzichten, damit wenigstens abends und am Wochenende unwichtige Anfragen von Müttern den wohlverdienten Feierabend nicht stören.

 

Smartphone als soziales Hilfsmittel

Auf der anderen Seite ist die Schwangere, die wartend zu Hause vom Umfeld attackiert wird mit Anfragen, wann der neue Erdenbürger endlich da sei. Ins Kino gehen für 2 Stunden ohne Smartphone – geht nicht. Unerreichbar sein für 2 Stunden – geht nicht. Auch wenn die Schwangere angenervt ist, Smartphone abstellen – geht nicht. Wenn allerdings im Minutentakt aus dem Kreißsaal das Umfeld über das Geschehen informiert wird, dann muss man kritisieren, dass die werdenden Eltern die Informationssucht der Wartenden nur noch weiter schüren.

Kann die Mutter der Schwangeren zur Geburt nicht in den Krei?saal mit, weil ja schon eine Person (der Mann), oder sogar zwei Personen (vielleicht die Freundin) dabei sind, wird auch schon mal das Smartphone f?r ein Livevideo genutzt. Als Rettungsanker wird das Smartphone gebraucht, wenn die „eigene“ (Nachsorge-)Hebamme aus dem Krei?saal angerufen werden muss, wenn man den Maßnahmen des Kreißsaalteams nicht traut.

 

Smartphone und Kind

Auf der Onlineplattform der Zeitschrift „Psychologie heute“ geht es in der letzten Ausgabe um die Auswirkungen des Smartphonegebrauchs von Eltern auf ihre Kinder. Zum Artikel geht es hier.

Nachweislich nutzen Eltern das Smartphone, um sich abzulenken, wenn diese frustriert sind (durch ihr Kind). Leider registriert das Kind, dass Eltern abgelenkt sind und nicht dem Kind Aufmerksamkeit schenken, und reagieren entsprechend genervt. Ein Teufelskreis. In einer Studie kam heraus, dass ein Kind schlechter Wörter durch die Mutter erlernt, wenn die Mutter durch das Smartphone abgelenkt ist. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Der Ratschlag, dass Eltern das Smartphone wegstecken sollen, greift da etwas kurz. Wer sein Smartphone keine 30 Minuten unbeachtet lassen kann, oder ohne soziale Medien oder dem Internet eine Zeitlang nicht mehr auskommt, da kein aktuelles Foto (auch vom Kind) gepostet werden kann, kann dem Ratschlag nicht folgen.

Mal ehrlich, wer kann das schon, das Smartphone unbeachtet weglegen? Mittlerweile ist eine Generation herangewachsen, für die der permanente Gebrauch des Smartphones etwas vollkommen Normales ist. Den Tipp zu geben, sich dem Kind zu widmen und das Telefon auszuschalten, gleicht da fast einer Strafe: mühsame Kindererziehung, anstatt Spaß und Kontakt zur Außenwelt.

 

Lösungsansätze

Hier kann man als Hebamme bereits in der Schwangerschaft oder im Wochenbett an die Eltern appelileren, sich aufmerksam dem Kind zu widmen. Dies ist allerdings nichts neues. Als „quality time“ wird z.B. die Zeit bezeichnet, in der gestressten, überarbeiteten Eltern fokussiert ihrem Kind Aufmerksamkeit schenken sollen. Damit wird das schlechte Gewissen beruhigt, da man immer so viel Arbeit hat und keine Zeit für’s Kind. Also Qualität vor Quantität.

Oder die Hebamme intergriert als Erwachsenenbildnerin z.B. ein Rollenspiel in den Geburtsvorbereitungskurs, gerne beim Männerabend. Die Aufgabenstellung kann sein eine genervte, beschäftigte Mutter mit Smartphone und ein Kind ohne Sprachmöglichkeit, welches Aufmerksamkeit möchte, darzustellen. Im Anschluss können beide Akteure ihr Erleben schildern. Hier kann durch ein Wechsel der Perspektiven eine Änderung in der Wahrnehmung erreicht werden. Eigene Einsicht anstatt mahnende Gebote sind immer hilfreicher. Die Erwartungshaltung an einen Geburtsvorbereitungskurs mag allerdings eine andere sein: Waren wir nicht hier um etwas anderes zu lernen? Hecheln, oder so?